Blick hinter die Kulissen
Patricia Ortmann im Interview mit Nils Spuck, Orchestermitglied des JBO Lollar

Blick hinter die Kulissen

Lollar – Kultur wird auf dem Land gelebt. Vielfältig und bunt. Auch im Gießener Land. Brauchen Kulturschaffenden Förderung und Unterstützung?  Wenn ja, auf welche Weise? Gibt es Ideen, die darauf warten umgesetzt zu werden? Diesen Fragen gingen rund 40 Teilnehmer in der Veranstaltung „Vorhang auf für die Kultur“ nach. Das Jugendblasorchester Lollar und das H2T-Hinterhoftheater Hungen ließen hinter die Kulissen blicken. Mit kulturellen „Blitzlichtern“ aus ihrem aktuellen Programm und im Interview zeigten sie, wie Kultur auf dem Land erfolgreich gelebt werden kann. Das Freiwilligenzentrum der Stadt und des Landkreises Gießen, die Volkshochschule des Landkreises und die Region GießenerLand e.V. hatten zur Veranstaltung in das Dorfgemeinschaftshaus in Lollar-Ruttershausen eingeladen, bei der die Kultur im Mittelpunkt stand.

„Würden sie sich als Förderer von Kultur bezeichnen?“ Mit der Antwort auf diese Frage an anwesende Eltern, leitete Patricia Ortmann, Geschäftsführerin des Freiwilligenzentrums zum Begriff Kulturförderer über. „Ich kann ihnen versichern, sie sind es.“ Verdutzte und erfreute Gesichter gab es bei den Eltern, die ihre Kinder zu Auftritten fahren und auch ansonsten auf vielen Ebenen mit anpacken.

Erfolgsrezept ist Kooperation

Dass sich das Engagement für die Kultur lohnt, bewiesen die Jungen und Mädchen mit Melodien aus den Filmen „Star Wars“ und „James Bond“. Auch das Engagement von Orchesterleitung und Geschäftsführung trägt zum Erfolg bei, denn „Wir schreiben jedes Stück um und passen es so an die Bedürfnisse der Jugendlichen an.“ Erklärt Alexander Hock, Leiter des Orchesters. Bei der Auswahl der Stücke dürften die Jugendlichen mitbestimmen, das motiviere. „ Nachwuchsprobleme haben wir gelöst, indem wir Tage der offenen Tür veranstalten und mit der Clemens Brentano- Europaschule kooperieren. Schwierig wird es erst im Alter der Schulabgänger“, beschreibt Geschäftsführerin Katrin Kraft die aktuelle Situation. An diesem Punkt ist Nils Spuck, einer der Orchestermitglieder noch nicht. Er ist seit einigen Jahren begeistert dabei und kam an einem Traditionsfest auf die Idee Trompete zu spielen. „Dort gab es ein Blasorchester und meine Eltern spielen auch. Ich fand das ganz cool, “ gab er souverän während seines Interviews zum Besten. Neben dem persönlichen Zeiteinsatz darf es natürlich auch nicht an finanziellen Mitteln fehlen, denn die Instrumente sind teuer, müssen bezahlt und unterhalten werden. Zum Glück gäbe es auch einen engagierten Förderverein, sagt die Geschäftsführerin Kathrin Kraft.

Was bedeutet eigentlich der Begriff  Kultur? Dieser Frage ging Anja Janetzky, Programmbereichsleitung Kulturelle Praxis der Kreisvolkshochschule, auf den Grund. In ihrem Vortrag „Kultur, eine Begriffsbestimmung“ erklärte sie, dass sich der Begriff ursprünglich aus dem Wort „cultura: Bearbeitung, Pflege, Ackerbau“ ableitet. Im weitesten Sinne bezeichnet er alles, was der Mensch selbst gestaltet. Je nach betrachteter Zeitepoche gibt es verschiedene Begriffsbestimmungen und aus ihnen lässt sich somit einiges über das gesellschaftliche Zusammenleben der jeweiligen Zeit herauslesen.

Hinterhoftheater wünscht sich Vernetzung

Flo Röhrig und drei weitere Schauspieler stellten das H2T-Hinterhoftheater aus Hungen mit einem Auszug aus dem aktuellen Stück „Die kleine Kneipe – Weihnachten ante Portas“ vor. Alle Texte des Theaters stammen aus seiner Feder. Einzigartig und mit einer kräftigen Prise Humor sei das Programm des Theaters gestaltet. Im Vordergrund stände nicht das Perfekte, sondern der Spaß. In dem 15 bis20-köpfigem Ensemble gibt es vier feste Schauspieler, der Rest der Besetzung wechselt. „Das jährlich wechselnde Programm stellt jedem frei, ob er wieder mit dabei sein möchte oder nicht“, erklärt Flo Röhrich. Auch für das Hinterhoftheater ist die Offenheit zu kooperieren Teil des Erfolgskonzeptes. Es arbeitet mit anderen Theatern zusammen. Was sich Flo Röhrich wünscht, wäre eine Vernetzung mit ortsansässigen Vereinen. „Statt Requisiten für einen einmaligen Auftritt zu kaufen, könnte man die Materialien austauschen und sich auch beim Lagerraum die Verantwortung teilen.“ schlägt Röhrich vor. Das Theater finanziert sich bisher völlig ohne Zuschüsse. Neben den Theaterstücken stellen auch gebuchte Improvisationen bei privaten Feiern ein Highlight dar.

„Die Bereitschaft über den Tellerrand zu schauen und sich Kooperationspartner zu suchen hat sich bei den vorgestellten Gruppen als Erfolgsrezept herausgestellt.“ Fasst Anette Kurth vom Verein Region GießenerLand die Ergebnisse des Abends zusammen. „Wir haben zur Veranstaltung eingeladen, um den Kulturbegriff zu öffnen, sich inspirieren zu lassen und Ideen anzustoßen. Ich denke, gemeinsam mit unseren Gästen ist uns dies gelungen.“