Eine innovative Form von Literaturtourismus: die Peter Kurzeck-App

Eine innovative Form von Literaturtourismus: die Peter Kurzeck-App

eingetragen in: Aus der Region | 0

Zu unserem Projekt „Das Dorf steht auf einem Basaltfelsen“ – Peter Kurzecks Wege in und um Staufenberg – Ein multimedialer Wanderweg” finden Sie hier weitere aktuelle Hintergrundinformationen.

Verfasst wurde der folgende Artikel von Volker Hess, Staufenberger Mitkoordinator, zugleich Abteilungsleiter am Zentrum für Informations- und Medientechnologie der Universität Siegen.

Dialog zwischen Mensch und Literatur

Der jüngst verstorbene Autor Peter Kurzeck (1943-2013) hat dem Dorf seiner Kindheit, Staufenberg im Kreis Gießen, einen ganzen literarischen Kosmos gewidmet. Ein Großteil seines literarischen Werks, das sowohl ein geschriebenes wie ein mündlich erzähltes Werk ist (singulär für die deutschsprachige Literatur!) spielt in oder handelt von Staufenberg oder geht von Staufenberg aus. Mehrere tausend Seiten Literatur und mehr als 5 Stunden mündliche Erzählung hat Peter Kurzeck Staufenberg gewidmet. Kurzeck macht gar kein Hehl daraus, dass das Zentrum seines literarischen Kosmos Staufenberg ein realer Ort ist mit realen Menschen. Diese Menschen tauchen auch mit ihren Klarnamen bezeichnet als Figuren in seiner Literatur auf.

Ein starker Ortsbezug

Gerade wegen seines starken Ortsbezugs ermöglicht das Werk von Peter Kurzeck eine innovative Form von Literaturtourismus: die Peter Kurzeck-App. Man reist in das Dorf, in dem die Literatur spielt, besichtigt die Orte und Schauplätze, von denen Peter Kurzeck erzählt, und kann seinen eigenen Eindruck vor Ort damit vergleichen, wie dieser Ort in der Literatur Peter Kurzecks erzählt wurde. Dies geschieht durch einen multimedial unterstützten Spaziergang. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern stehen über ihre mobilen Endgeräte (QR-Codes und/oder GPS-Verortungen) vermittelt multimedial aufbereitete Informationen online zur Verfügung. An einem Peter-Kurzeck-Schauplatz in Staufenberg angekommen, können die NutzerInnen entscheiden, ob sie Peter Kurzeck lesen oder zuhören wollen, wie er von diesem Schauplatz erzählt. Oder ob sie lesen oder hören wollen, wie das Dorf sich selbst erzählt: ein Menüpunkt führt die NutzerInnen zu Video- oder Audiosequenzen, in denen die Peter-Kurzeck-Figuren oder andere Zeitzeugen ihre ganz eigene Geschichte über den Schauplatz erzählen. So entsteht mit Hilfe dieser App ein Dialog zwischen Peter Kurzecks Literatur und dem realen Ort Staufenberg – mit seinen Menschen und seiner Geschichte.

Mobile Literaturausstellung mit der Geschichte der Bundesrepublik

Damit wäre die App ebenso eine mobile Literaturausstellung wie auch die exemplarische oral history eines oberhessischen Dorfes. Ein solches Konzept wäre kulturtouristisch ein absolutes Novum: Es gibt weltweit weder im Bereich von Schriftsteller – wie Lokalgeschichte-Apps eine vergleichbare Anwendung. In Peter Kurzecks Werk wird am Beispiel der Stadt Staufenberg nicht zuletzt auch eine Chronik der Bundesrepublik Deutschland erzählt: Die Ankunft der Flüchtlinge aus dem Osten, die die Bevölkerung Staufenbergs über Nacht verdoppelte; die schwierige Integration der Flüchtlinge in die Dorfgemeinschaft. Die Währungsreform und das Wirtschaftswunder. Wachstum und Umbau des Ortes, neue Straßen und die Autobahn. Die langen Sommer der späten sechziger Jahre. Fernreisen und danach wieder zurückkehren ins Dorf. Bildungsrevolution, die ersten Dörfler, die studieren gehen, obwohl ihre Eltern Industriearbeiter und Nebenerwerbslandwirte gewesen sind. 1968 vom Dorf aus betrachtet. Die 70er Jahre, neue Lebensformen und schließlich die Radikalisierung und der RAF-Terrorismus. Im Werdegang des Peter Kurzeck und wie er davon erzählt, spiegelt sich exemplarisch eine ganze Epoche. Mit dem Heranwachsen des Erzählers, vergrößert sich auch der Horizont der Erzählung: Vom Dorf aus erst nach Lollar, dann nach Gießen, und von Gießen nach Frankfurt und in die ganze Welt. Und doch immer wieder nach Staufenberg zurück.

Für die App bedeutet das zweierlei:
1) dass sich der literarische Spaziergang in Staufenberg mühelos zu einer literarischen Wanderung bis nach Lollar, ins Lahn- und Lumbdatal und bis nach Gießen fortsetzen lässt, falls das kulturtouristisch erwünscht ist. Das Werk von Peter Kurzeck gibt dazu reichlich Anhalt. (In unserem Protoyp haben wir bereits zwei Stationen in Lollar erarbeitet: das Filmtheater Rex und die katholische Flüchtlingskirche. Weitere Stationen ausserhalb von Staufenberg, die sich anbieten, wären: der Badeplatz an der Lahn; das ehemalige Buderus-Werk in Lollar oder die alte B3, die „Schossee“, über die Peter Kurzeck Hunderte von hinreißenden Seiten geschrieben hat.
2) dass zusätzlich zu den Peter-Kurzeck-Figuren auch andere Staufenberger (Lollarer, Gießener) ihre Versionen der bundesrepublikanischen Geschichte erzählen könnten: entlang der bei Kurzeck erzählten Themen. So entstünde ein Archiv von Stimmen, alternative Versionen einer Chronik der westdeutschen Nachkriegszeit, die auch mit regionalgeschichtlichen Artefakten aller Art angereichert werden kann: ein multimedialer Erinnerungsort – ausgehend von der Literatur des früheren Flüchtlingskindes Peter Kurzeck.

Nutzung der App

Die Anwendung ist ubiquitär nutzbar, kann sowohl vor Ort auf mobilen Endgeräten eine neue Literaturerfahrung vermitteln, aber gleichzeitig am Tablet oder PC zuhause vertiefte Einblicke in die
Hintergründe und Kontexte von Kurzecks Literatur oder auch nur zur Vorbereitung einer touristischen Besuchs im unteren Lumdatal herangezogen werden. Wichtig: Die Inhalte würden nicht nur solchen Touristen zugänglich, die über ein Smartphone verfügen und mit Apps umgehen. Sondern dadurch dass der literarische Spaziergang auch vor Ort mit Flyern und Beschilderung unterstützt wird, kann man ihn auch ohne Smartphone begehen und sich die Inhalte von Peter Kurzeck wie die der Staufenberger Oral History auch bequem nach der Wanderung von zuhause aus über eine website zu Gemüte führen.

Die Ziele

Eine solche Anwendung würde mindestens fünf verschiedene Zielgruppen ansprechen:
a) Diejenigen LeserInnen Peter Kurzecks, die mit seinem Werk, sowohl der Literatur als auch den erzählten Hörbüchern gut bis sehr gut vertraut sind, und die Orte seines Schreibens kennen lernen oder wiederbesichtigen wollen
b) NutzerInnen aus der Region, die mit dem Werk Kurzecks noch nicht vertraut sind, die es aber interessant finden, dass ‚ihre‘ Region im Werk eines bedeutenden Schriftstellers eine so große Rolle spielt und wissen wollen, wie ihre Heimat literarisch erzählt wird. Sie kennen die Orte gut, von denen die Kurzeck-Literatur handelt.
c) SchülerInnen aus der Umgebung von Gießen bis Marburg, die im Rahmen von Schulausflügen oder Projektarbeit so etwas wie literarische Regionalkunde betreiben. Sie könnten auch aus Gründen der unterstellten Technikaffinität der SchülerInnen die App zu nutzen angehalten sein, ohne große Vorkenntnisse bei Kurzeck zu haben (Literaturvermittlung)
d) An mündlicher Geschichtserzählung der Region Interessierte: solche, die wohl das Kurzeck-Hörbuch „Ein Sommer, der bleibt“ lieben, aber die eher anspruchsvolle Literatur Kurzecks gar nicht unbedingt lesen würden.
e) Studierende aus Gießen oder Marburg oder von sonstwelchen Unis, die sich beispielhaft mit dem Thema Literatur im Raum oder locative media-Ausstellungskonzeptionen beschäftigen könnten Redaktionelle, gestalterische und technische Konzeption und Realisierung der geplanten mobilen Webanwendung übernehmen in einer für den Zeitrahmen des Projekts geschlossene Kooperation die Stadt Staufenberg, die Peter-Kurzeck-Gesellschaft (PKG), das Germanistische Seminar der Universität Siegen, das Zentrum für Information und Medientechnologie (ZIMT) der Universität Siegen und der Stroemfeld Verlag Frankfurt/Main.

Wichtig: Diese App können sich die interessierten NutzerInnen kostenlos herunterladen. Die App dient allein der Förderung des Kulturtourismus in Staufenberg und Umgebung und soll die Verbreitung des Werkes von Peter Kurzeck befördern. Sie verfolgt ausdrücklich keine kommerziellen Ziele.

Weitere Informationen